Hallo,
ich habe aus familiären Gründen in Polen Medizin studiert und nach dem ich den polnischen Staatsexamen überdurchschnittlich gut bestanden habe, arbeite ich seit über einem Monat in einer unfallchirurgischen Klinik. Seit vorgestern habe ich die Weiterbildung in Chirurgie "eröffnet" - hier ist das anders:
die Landeskonsultanten geben an wieviele Weiterbildungsstellen pro Land eröffnet werden können. Die profitablen Bereiche wie Dermatologie, plastische Chirurgie, Gynekologie usw. sind natürlich dicht, weil man sich doch keine Konkurenz ausbilden will.. Die Leute, die es trotzdem schaffen eine der wenigen Stellen im Land oder sogar in ganz Polen zu bekommen haben entweder sehr gute Beziehung zum Konsultanten (Familie, Freunde) oder arbeiten z.B. 6 Jahre umsonst. Es gibt 3 möglichkeiten die Weiterbildung zu machen: 1. staatlich finanzierte Weiterbildung - Staat bezahlt den Lohn (z.Zt. ca. 500 Eur netto/Monat), 2. Arbeitsstelle - Krankenhaus bezahlt den Lohn (unterschiedlich 300-500 Eur netto), 3. Volontariat - umsonst... Die Krankenhäuser stellen keine Ärzte ein weil 1. kein Geld und 2. seit 1. Januar 48 Std. Woche, die eingestellten Ärzte unterschreiben kein OPT-OUT wenn sie nicht deutlich mehr verdienen werden, viele Streiken jetzt.. Die staatlich finanzierte Weiterbildung ist nur für weniger begehrte Fächer, wie Familienmedizin oder Innere Medizin oder Rettungsmedizin offen. Die profitablen Fächer, wenn man überhaupt reinkommt - Volontärvertrag oder wenn man Glück hat Teilzeit z.B. 1/8 oder sogar 1/16 = 20-30 Eur / Monat...
Die Leute müssen Bereitschaftsdienst nehmen oder im Krankenwagen fahren, da kann man 100-200 Eur / 24 Std. verdienen.
Es sieht so aus, dass im Moment 70% der FÄ über 50 Jahre alt sind, weiterhin die profitablen Fächer zu sind und das ganze System in den nächsten Jahren zusammenbrechen wird - wenn sich nichts ändert. Aus unserem Osten, d.h. Ukraine, Weissrussland kommt keiner zu uns, weil sie dort oft mehr verdienen durch offenes bezahlen der Patienten unter dem Tisch. In Polen wird diese Korruption jetzt sehr verfolgt, durch Medien mit versteckten Kameras und laute Verhaftungen von Ärzten durch Antiterroristen-Einheiten (echt!) - kann man sich alles im Fernsehen anschauen.
Zum Glück bin ich finanziell unabhängig, habe ein Geschäft von dem ich lebe - ich möchte mich aber Weiterbilden. In meiner Klinik haben wir wirklich gute FÄ, die es wissen zu Improvisieren aber es fehlt oft an den einfachsten Sachen. In unserem Krankenhaus ist es noch nicht so schlecht, weil es ein UNI-Krankenhaus ist, aber oft ist es noch schlimmer. Ich überlege mir wirklich, ob ich nicht nach Deutschland gehe um dort meine Weiterbildung zu machen. Vor allem, weil es so viele Stellenanzeigen gibt, dass Assistenzärzte gesucht werden. Die Arbeitsbedingungen sind deutlich besser.
Z.B. in unserer Stadt 400.000 Einwohner haben wir 2 MRI und 4 CT. Die 2 MRI sind kaputt, ein mobiles Gerät musste aus England geliehen werden... in meinem Krankenhaus mit 1600 Angestellten ist ein 8 Reihen CT, keine Angiographie, zum Glück hat meine Klinik einen 10 Jahre alten Siemens C-Arm, aber wir haben keine Arthroskopie. Wir haben 3 Dermatome wovon immer 2 kaputt sind, wir haben einen Werkzeugsatz für Hüft-Endoprothetik wo die einzige Hakenzange seit Wochen nicht hält und wir keinen Ersatz bekommen usw....
Wie Ihr seht, kann man unter solchen Bedingungen keine gute Weiterbildung machen, man kann sicher lernen zu Improvisieren, aber das habe ich nicht im Sinn. Die ältere Kollegen haben mir erzählt, dass man viele OPs in der erforderlichen Anzahl, wenn überhaupt machen kann. Der Leiter unterschreibt einfach und das war's, man darf auf der Station sitzen und schreiben. Ein Bekannter von mir ist seit einem halben Jahr Assi in Orthopädie und war bei 3 (wörtlich: drei!) Eingriffen!!!! Bei mir ist das zwar besser, aber Rotations kann man schwer machen und in meiner Klinik werde ich sicher nicht alle Eingriffe machen, weil wir nur ein paar aus der Allgemeinchirurgie machen, der Rest ist Trauma. (in Polen gibt es keine spezielle Weiterbildung in Unfallchirurgie, nur Allgemeinchirurgie oder Orthopädie).
Nun zu meiner Frage. Wie sieht es aus in Deutschland? Die vielen Stellenanzeigen, wo die Kliniken zeigen was sie haben, was sie machen, sind sehr verlockend. Die Assi-Gehälter sind nicht schlecht, im Vergleich zu Polen.
Kommt man an dem OP-Tisch ran, oder darf man nur auf Station sitzen und schreiben? Ist es besser in grossen Städten oder in ländlich gelegenen Krankenhäusern? Ich habe schon einiges auf diesem Forum gelesen, aber es ist wenig über Chirurgie und Unfallchirurgie. Ich habe gelesen, dass man oft Überstunden machen muss, die nicht aufgeschrieben werden - das ist doch illegal. In Polen wird das seit dem 1 Januar sehr streng genommen, auch durch die Streiks.
Ich bin gespannt...